Zielsetzung dieser Einführungs-Vorlesung:
Diese Vorlesung mit begleitender Übung soll Studentinnen und Studenten der Geowissenschaften (Geographie, Landschaftsökologie, Geologie u.a.) einen einführenden Überblick über Anwendungsmöglichkeiten der Geoinformatik bei raumbezogenen Fragestellungen geben. Die Erfassung, Verwaltung, Analyse, Modellierung und Visualisierung raumbezogener Daten (Geodaten) mit Hilfe von Datenbanksystemen, Geoinformationssystemen, Bildverarbeitungssystemen etc. ist in den letzten Jahren zu einem unverzichtbaren Arbeitsmittel für alle Geo- und Umweltwissenschaftler geworden.
Daher ist es bei einer Einführung in die Geoinformatik notwendig, auch einige wenige Grundbegriffe und Zusammenhänge aus der Mathematik und Informatik kennenzulernen. Sie sind in dieser Anfänger-Vorlesung für Geowissenschaftler auf das unbedingt notwendige Minimum reduziert.
Wichtiger Hinweis:
Für Studierende der Geoinformatik wird ab WS 2005/2006 einen spezielle
Vorlesung und Übung "Einführung in der Geoinformatik" mit
Vorlesungs- und Übungsinhalten angeboten, die über den Stoff dieser
Vorlesung und Übung hinausgehen.
Studierende der Geoinformatik sollten also diese speziellen Lehrangebote nutzen.
| Informatik (computer science) ist die Wissenschaft, die sich mit der systematischen und automatischen Verarbeitung von Informationen auf der Basis von Daten mit Hilfe von Computern befaßt. |
Zur Erläuterung:
Beispiel 1:
| Signal: | . . . - - - . . . (3 kurze, 3 lange, 3 kurze Töne) | |
| Datum: | Kennt man die Syntax derartiger Morsesignale, so läßt sich dieses Signal in das Datum SOS übersetzen. | |
| Information: | Dieses Datum erhält erst durch seine Interpretation (Entschlüsslung) beim Empfänger einen Sinn, wird für den Empfänger also zur Information: Hilferuf 'Save Our Soules' |
Beispiel 2:
Das Datum '1000 hPa' ist ohne zusätzliche Fachkenntnisse ohne Aussagekraft; erst der fachliche Kontext 'Maßeinheit hPa für den Lufzdruck' und 'gemessen in 2m Höhe über Grund' und das Fachwissen des Geowissenschaftlers führt zu der Information, daß dieser Wert auf ein Tiefdruck-Gebiet hinweist.
Hinweis:
Die Begriffe Information und Datum werden häufig mit unscharfer Abgrenzung gebraucht. Auch der Begriff Informatik wird nicht ganz einheitlich definiert. Er ist jedoch umfassender als der Begriff Automatische (elektronische) Datenverarbeitung, mit dem die Verarbeitung von Daten mit Computern in einem mehr technischen Sinne gemeint ist.
Zurück zur Definition von 'Informatik':
Die von SHANNON (1948) als mathematische Theorie begründete Informationstheorie behandelt Fragen der (optimalen) Speicherung und Übertragung von Informationen, z.B. wie kann man möglichst viel Information mit einer möglichst kurzen Nachricht übertragen è Minimierung von Speicherplatz und Rechenzeit.
Die Informationstheorie bildet eine wichtige theoretische Basis der Informatik.
Zur heutigen Bedeutung der Informatik:
Der Computer spielte für ausgehende 20.Jahrhundert eine ähnliche Schlüsselrolle wie die Erfindung der Dampfmaschine als Auslöser der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert. Computer bilden die Grundlage der heutigen Informations- und Kommunikationsgesellschaft. Sie haben praktisch alle Lebensbereiche verändert. Die Folgen sind fast unüberschaubar - aber nicht nur positiv:
Zur Geschichte der Informatik:
Die Geschichte der Informatik bzw. numerisch-instrumentellen Mathematik reicht bis in das Altertum zurück. Schon 'die alten Griechen' entwickelten Algorithmen zur Lösung komplexer Probleme und benutzten technische Hilfsmittel zum Rechnen.
Hier einige Daten
und Fakten zur Geschichte der Informatik:
| vor 0 | Zahlensysteme
der Sumerer, Ägypter, Römer; Abakus als Rechenhilfe;
griechische Mathematiker PYTHAGORAS (- 500), EUKLID (-300), ARCHIMEDES (-250) u.a. legen Grundlagen der Geometrie und Algebra |
| ~ 500 | Indisch-arabisches Dezimalsystem mit der Zahl 0 |
| 1524 | Adam RIESE schreibt ein Rechenbuch nach dem Dezimalsystem |
| 1623 | SCHICKARD konstruiert für Kepler die erste mechanische Rechenmaschine mit 2 Grundrechenarten |
| 1818 | zuverlässige mechan. Rechenmaschinen werden serienmäßig hergestellt |
| 1838 | BABBAGE konzipiert die 'analytical engine' mit Programmsteuerung über Lochkarten; technisch aber nicht realisiert; seine Assistentin ADA schreibt dafür das erste "Programm" |
| 1886 | HOLLERITH baut eine elektrische Zählmaschine für Lochkarten |
| 1941 | ZUSE
baut die erste elektrische programmgesteuerte Maschine Z3(2000 Relais);
1 Multiplikation dauert 4 Sekunden |
| 1944 | AIKEN baut bei IBM die programmgesteuerte Maschine MARK1 (Länge 15m, 80 km Leitungen); 1 Multiplikation dauert 3 s |
| 1950 | von NEUMANN, TURING u.a. entwickeln das Prinzip der modernen Computer: Einzelprozessor, Programm und Daten im gleichen Speicher |
| 1954 | In den USA wird ENIAC als erster elektronischer Rechner entwickelt (18.000 Elektronenröhren, 20 Tonnen); Multiplikation 3 ms |
| 1964 | FORTRAN wird eine weit verbreitete Programmiersprache, insb. in den Naturwissenschaften |
| 1973 | UNIX wird als Betriebssystem für workstations entwickelt |
| 1976 | WOZNIAK
& JOB bauen in den USA den ersten PC (Apple) CRAY baut den ersten Supercomputer |
| 1979 | MS-DOS für PCs kommt auf den Markt |
| 1983 | von IBM wird der erste PC-XT (extended) auf den Markt gebracht |
| . . . . . | Hardware wird immer leistungsfähiger und preiswerter; Software wird leistungsfähiger, erfordert aber auch immer mehr hardware-Ressourcen; Internet und Intranet werden die treibende Kräfte zur Weiterentwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie. |
Die stürmische Entwicklung der Informatik in den letzten Jahren hat zur Ausbildung mehrerer großer Teilbereiche geführt:
l Theoretische Informatik:
Erforschung formaler
Methoden zur Entwicklung von
- Rechnern (è
Automaten-Theorie),
- Sprachen (è
Sprachtheorie) und
- Algorithmen
(è Theorie
der Berechenbarkeit)
auf mathematischer
Grundlage
l Praktische Informatik:
Entwicklung von Methoden zur Erstellung und Ausführung von Computer-Programmen (z.B. Programmiersprachen und Compiler, Betriebssysteme, Datenbanksysteme, Entwicklungswerkzeuge für Programmierer und Anwender)
l Technische Informatik:
Entwurf von integrierten
Schaltungen (Chips), Computern, Peripheriegeräten, Schnittstellen,
Netzwerken etc.
Theoretische,
Praktische und Technische Informatik bilden gemeinsam die Kern-Informatik.
l Angewandte Informatiken:
Anwendung von
Methoden der Informatik in anderen Wissenschaften.
Die diversen Angewandten
Informatiken sind meist in den jeweiligen Fachwissenschaften angesiedelt und
haben eine Brückenfunktion zwischen Fachwissenschaft und der Kern-Informatik;
hier arbeiten Fachwissenschaftler und Informatiker sehr eng zusammen.
Beispiele:
Wirtschaftsinformatik, Medizinische Informatik, Agrarinformatik, Geoinformatik,
Bioinformatik
Räumlicher Bezug
von Daten:
Typisch für
geowissenschaftliche Probleme ist die Bindung fachspezifischer Eigenschaften
an Objekte, die räumliche Bezugseinheiten darstellen, d.h. an sog.
Geoobjekte.
Beispiele
für Geoobjekte:
Meßpunkt,
Profillinie, Einzugsgebiet, Grundwasserkörper
Geoobjekte sind
also durch ihren Raumbezug definiert.
Der Raumbezug
wird primär durch ihre Geometrie
(d.h. die absolute Lage im Raum) beschrieben. Räumliche Beziehungen
von Geoobjekten untereinander können durch ihre Topologie
(d.h. die relative Lage) charakterisiert werden.
Verschiedene fachliche Eigenschaften
werden durch die Thematik beschrieben.
Die Dynamik
der Geoobjekte kennzeichnet ihre zeitlichen Veränderungen bezüglich
Geometrie, Topologie und Thematik.
Um bei der Auswertung von Daten derartige räumliche Bezüge berücksichtigen zu können, benötigt man spezielle Methoden der Geoinformatik.
Beispiel:
Die Geoinformatik ist ein sehr junges Fach innerhalb der Geowissenschaften. Das Institut für Geoinformatik der Universität Münster (1994 gegründet) ist das erste Institut dieser Art in Deutschland gewesen. Inzwischen gibt es weitere Institute und Abteilungen für Geoinformatik. In praktisch allen Geowissenschaften (Geographie, Landschaftsökologie, Geologie, Geodäsie, Geophysik u.a.) arbeiten heute Geoinformatiker gemeinsam mit Geowissenschaftlern an der Lösung raum- und umweltbezogener Probleme.
Wichtige Forschungsfelder der Geoinformatik sind zur Zeit:
In enger Beziehung zur Geoinformatik steht wegen des Raumbezuges vieler Umwelt-Fragen die Umweltinformatik. Sie befaßt sich mit der Entwicklung und Anwendung informatischer Methoden bei allen umweltrelevanten Problemen (z.B. Umweltmonitoring, Umweltplanung). Umwelt-Informationssysteme (UIS) basieren häufig auf der GIS-Technologie.
Am Institut für
Agrar- und Forstinformatik
an der Universität Münster werden schwerpunktmäßig Geodaten
und Geoinformatik-Methoden zur Lösung raumbezogener Aufgabenstellungen
in der Land- und Forstwirtschaft eingesetzt.
Dieses Institut ist mit dem Institut für Geoinformatik fachlich und personell
eng verbunden.